Wenn Schmerzen bleiben: Was chronische Schmerzen mit Körper, Psyche und Lebensgeschichte zu tun haben

Manche Schmerzen gehen wieder vorbei. Sie haben einen Anfang, einen Auslöser und irgendwann auch wieder ein Ende. Man verletzt sich, ist krank, überlastet sich vielleicht, wird behandelt und erholt sich langsam. Der Körper findet nach und nach zurück. Und dann gibt es Schmerzen, die sich anders verhalten. Sie bleiben. Oder sie kommen immer wieder. Mal stärker, mal leiser, mal an einer anderen Stelle. Sie machen müde, gereizt, unsicher und manchmal auch still. Nicht nur, weil sie anstrengend sind, sondern weil sie sich mit der Zeit immer tiefer in den Alltag einschreiben.

 

Chronische Schmerzen sind für viele Menschen nicht einfach nur ein körperliches Symptom. Sie werden zu etwas, das ständig mitläuft. Beim Schlafen, beim Arbeiten, in Beziehungen, in der Sexualität, in der Stimmung und auch in der Frage, wie viel man sich im Leben noch zutraut. Schmerz ist dann nicht mehr nur etwas, das man hat. Er wird zu etwas, das mit einem lebt. Und genau das macht ihn oft so schwer greifbar und so belastend.

 

Viele Betroffene kennen dieses Gefühl nur zu gut: Da ist etwas deutlich spürbar, etwas, das Kraft kostet und den Alltag mitprägt, und gleichzeitig lässt es sich nicht immer eindeutig erklären. Vielleicht zeigen Untersuchungen nur einen Teil. Vielleicht passt die Stärke der Beschwerden nicht sauber zu dem, was auf Bildern, in Laborwerten oder Befunden sichtbar ist. Vielleicht hört man Sätze wie: „Da muss man halt lernen, damit zu leben“ oder „Es ist eh nichts Schlimmes“ oder leider auch: „Psychisch ist das halt auch.“ Gerade dort beginnt oft zusätzliches Leiden. Denn wenn Schmerzen nicht vollständig erklärbar sind, heißt das nicht, dass sie eingebildet sind. Wenn seelische Belastung mit hineinspielt, heißt das nicht, dass der Schmerz nicht real ist. Und wenn Körper und Psyche zusammenwirken, heißt das noch lange nicht, dass man sich einfach nur anders einstellen müsste.

 

Chronischer Schmerz ist real. Die entscheidende Frage ist meist nicht, ob er echt ist, sondern wie er entsteht, wodurch er verstärkt wird und was ihn über längere Zeit aufrechterhält. Genau dafür braucht es einen differenzierten Blick. Einen, der den Körper ernst nimmt und zugleich versteht, dass Schmerz nie nur in einem einzelnen Organ stattfindet, sondern immer in einem ganzen Menschen.

 


Wenn Sie gerade überlegen, ob Therapie für Sie stimmig ist: Lesen kann entlasten – Therapie setzt dort an, wo Veränderung im Alltag wirklich möglich wird.

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Chronischer Schmerz ist mehr als ein verlängertes Akutproblem

Früher wurde Schmerz oft vor allem als Warnsignal verstanden. Da ist eine Verletzung, eine Entzündung, ein Schaden und der Schmerz weist darauf hin. Bei akuten Schmerzen trifft das oft auch zu. Bei chronischen Schmerzen greift dieses Bild aber häufig zu kurz.

 

Heute wissen wir, dass Schmerz sich mit der Zeit verändern kann. Er kann sich verselbstständigen und selbst zu einer eigenen gesundheitlichen Belastung werden. Nicht deshalb, weil „nichts da wäre“, sondern weil Schmerzverarbeitung im Körper sehr vielschichtig ist. Sie wird nicht nur von Gewebe oder Entzündung beeinflusst, sondern auch von früheren Schmerzerfahrungen, anhaltendem Stress, Schlafmangel, Erschöpfung, innerer Anspannung, Schonverhalten, Angst, Überforderung oder ständiger Alarmbereitschaft. Oft ist es nicht nur ein einzelner Auslöser, sondern ein Zusammenspiel aus mehreren Ebenen, die sich gegenseitig verstärken.

 

Auch die heutige Schmerzmedizin und psychosomatische Psychotherapie berücksichtigen das stärker. Sie unterscheidet unter anderem zwischen chronischen Schmerzen, die im Zusammenhang mit einer zugrunde liegenden Erkrankung stehen, und solchen, bei denen der Schmerz selbst immer mehr ins Zentrum rückt. Dazu zählt auch die Fibromyalgie. Das ist deshalb so wichtig, weil es den Blick erweitert. Nicht, um körperliche Ursachen kleinzureden. Sondern um besser zu verstehen, dass Schmerz nicht einfach nur ein passives Signal aus dem Körper ist. Er ist ein aktiver Prozess, eingebettet in biologische Vorgänge, seelische Belastungen und den gesamten Lebenskontext eines Menschen.

 

Für viele Betroffene ist schon dieses Verständnis ein erster entlastender Schritt. Nicht, weil damit plötzlich alles leicht wird. Aber weil es aus einer Sackgasse herausführen kann. Weg von der quälenden Frage, warum sich nichts eindeutig erklären lässt, hin zu einer hilfreicheren Frage: Was wirkt hier alles zusammen und an welcher Stelle kann Entlastung überhaupt wieder möglich werden? 

 


Funktionelle und somatoforme Beschwerden: real, belastend und oft missverstanden

Gerade im Bereich funktioneller und früher oft als somatoform bezeichneter Beschwerden erleben viele Betroffene etwas besonders Belastendes: nicht nur ihre Symptome, sondern auch das Gefühl, damit zwischen den Stühlen zu landen.

 

Sie werden von einer Stelle zur nächsten geschickt, fühlen sich nicht ernst genommen oder beginnen irgendwann selbst, an ihrer Wahrnehmung zu zweifeln. Das ist oft zermürbend. Vor allem dann, wenn etwas deutlich spürbar ist, der Leidensdruck hoch ist und man trotzdem immer wieder das Gefühl bekommt, sich erklären oder rechtfertigen zu müssen. Dabei sind funktionelle Beschwerden keineswegs selten. Und vor allem sind sie nicht eingebildet.

 

Gemeint ist vielmehr, dass etwas in der Funktion aus dem Gleichgewicht geraten ist, auch wenn sich nicht immer ein klarer struktureller Schaden zeigen lässt. Im neurologischen Bereich sieht man das zum Beispiel bei funktionellen neurologischen Störungen. Dort können Symptome wie Schwäche, Schmerzen, Sensibilitätsveränderungen oder Anfälle auftreten, ohne dass sich eine klassische strukturelle Schädigung im Sinn einer anderen neurologischen Erkrankung nachweisen lässt. Solche Symptome sind real, oft stark beeinträchtigend und nicht willentlich erzeugt.

 

Auch der ältere Begriff somatoform wurde lange so verwendet, dass sich viele Betroffene darin eher missverstanden als verstanden gefühlt haben. Heute geht es weniger darum, Beschwerden vorschnell in „organisch“ oder „psychisch“ einzuteilen. Hilfreicher ist die Frage, wie körperliche Symptome, Leidensdruck, Angst, Aufmerksamkeitsfokussierung, Belastungserleben und Einschränkungen im Alltag miteinander zusammenhängen. Das bedeutet nicht, dass Menschen ihre Symptome selbst verursachen. Es bedeutet vielmehr, dass Körperwahrnehmung, Stressverarbeitung, emotionale Belastung und das Schmerzsystem eng miteinander verbunden sein können.

 

Gerade deshalb brauchen Menschen mit funktionellen oder somatoformen Beschwerden keine Bagatellisierung und keine vorschnellen Schlussfolgerungen. Sie brauchen ein Gegenüber, das sie ernst nimmt, eine sorgfältige Diagnostik und ein Behandlungskonzept, das weder vorschnell psychologisiert noch stur nur nach einer einzelnen körperlichen Ursache sucht, wenn das Gesamtbild längst vielschichtiger geworden ist.

 


Fibromyalgie: wenn der ganze Körper müde, wund und überlastet wirkt

Kaum ein Schmerzbild wird so häufig missverstanden wie die Fibromyalgie.

 

Viele Betroffene haben bereits einen langen Weg hinter sich, bevor dieser Name überhaupt im Raum steht. Arzttermine, Hoffnungen, neue Erklärungsversuche, Zweifel und nicht selten das Gefühl, dass niemand das Ganze wirklich zusammenbringt. Gerade das macht diese Erkrankung für viele so belastend. Denn die Beschwerden sind deutlich spürbar, oft über lange Zeit, und trotzdem lässt sich vieles nicht so eindeutig messen, wie es sich Betroffene selbst und ihr Umfeld manchmal wünschen würden.

 

Typisch sind ausgedehnte Schmerzen, Druckempfindlichkeit, Erschöpfung, nicht erholsamer Schlaf, Konzentrationsprobleme und oft weitere Beschwerden wie Kopfschmerzen, Magen Darm Probleme oder eine insgesamt erhöhte Reizempfindlichkeit. Einen einzelnen Laborwert oder einen klaren Bildgebungsbefund, an dem sich Fibromyalgie sicher festmachen ließe, gibt es nicht. Die Diagnose ergibt sich aus dem Gesamtbild, aus einer sorgfältigen Einordnung der Beschwerden und auch daraus, andere Ursachen ausreichend mitzudenken und abzuklären. Genau das macht Fibromyalgie für viele Menschen so schwer greifbar.

 

Was sich nicht klar messen oder auf einem Befundblatt abhaken lässt, wird gesellschaftlich oft schneller angezweifelt. Für Betroffene ist das bitter. Nicht zuletzt deshalb, weil viele von ihnen über lange Zeit enorm funktioniert haben. Nicht wenige kennen Phasen von starker Anpassung, Daueranspannung, innerem Druck, Schlafproblemen und dem Gefühl, nie wirklich herunterzukommen und trotzdem weitermachen zu müssen. Der Körper meldet sich dann nicht selten mit einem Gesamtzustand aus Schmerz, Müdigkeit und Überforderung.

 

Es wäre allerdings zu einfach, Fibromyalgie nur psychologisch zu erklären. Das würde dem Thema fachlich nicht gerecht. Genauso unvollständig wäre es aber, die seelische und soziale Ebene ganz auszublenden. Gerade bei Fibromyalgie zeigt sich oft besonders deutlich, wie eng Schmerzverarbeitung, Schlaf, Stresssystem, Lebensbelastung und emotionale Regulation miteinander verbunden sein können. Deshalb braucht es in der Behandlung meist mehr als eine einzelne Maßnahme. Hilfreich sind vor allem eine gute Aufklärung, ein verstehbares Krankheitsmodell, ein achtsamer und individuell angepasster Umgang mit Aktivität sowie nichtmedikamentöse Ansätze, die den ganzen Menschen im Blick behalten. Medikamente können manchmal ergänzend eine Rolle spielen, stehen aber meist nicht im Zentrum. 

 


Rheumatische Erkrankungen: wenn Entzündung und Schmerz nicht dasselbe sind

Bei rheumatischen Erkrankungen kommt noch eine weitere Ebene dazu. Hier gibt es oft sehr wohl organische Prozesse, etwa Entzündungen, immunologische Veränderungen oder strukturelle Belastungen und Schädigungen. Das ist wichtig und darf nicht relativiert werden. Gerade bei entzündlich rheumatischen Erkrankungen ist eine gute medizinische Behandlung entscheidend. Und trotzdem zeigt sich auch hier immer wieder, dass Schmerz nicht einfach eins zu eins mit Entzündung gleichgesetzt werden kann.

 

Viele Menschen mit rheumatischen Erkrankungen erleben Schmerzen, Müdigkeit, Erschöpfung und Einschränkungen, die sich nicht vollständig durch die aktuelle Krankheitsaktivität erklären lassen. Manchmal ist die Erkrankung medizinisch einigermaßen stabil und trotzdem bleibt die Belastung im Alltag hoch. Manchmal kommen Schlafstörungen, depressive Symptome, Angst, Hilflosigkeit, sozialer Rückzug oder starke Zukunftssorgen dazu. Nicht, weil Betroffene weniger belastbar wären. Sondern weil eine chronische Erkrankung dem Menschen auf vielen Ebenen etwas abverlangt und psychisch oft viel mehr Anpassungsleistung fordert, als von außen sichtbar ist.

 

Genau dort wird der Blick der Psychorheumatologie besonders hilfreich. Sie beschäftigt sich mit dem Zusammenspiel von rheumatischer Erkrankung, Schmerz, Psyche, Verhalten, Beziehungen und Lebensqualität. Sie fragt nicht nur, welche Diagnose vorliegt. Sondern auch, was diese Erkrankung im gelebten Alltag eines Menschen macht. Was die Unberechenbarkeit mit dem Selbstbild macht. Wie chronische Müdigkeit die Arbeitsfähigkeit, die Partnerschaft, die Sexualität und das Gefühl von Verlässlichkeit im eigenen Körper verändern kann. Wie viel Kraft das ständige Abwägen zwischen Aktivität und Schonung kostet. Und was innerlich passiert, wenn der Körper nicht mehr so mitmacht, wie man es von sich selbst gewohnt war.

 

Diese Perspektive ist deshalb so wichtig, weil rheumatische Erkrankungen eben nicht nur Gelenke, Muskeln oder Bindegewebe betreffen. Sie greifen oft tief in den Alltag hinein, in das Rollenverständnis, in Beziehungen und in die psychische Stabilität. Genau darin liegt ein wesentlicher Teil der Belastung und genau dort braucht es oft ebenso viel Verständnis und Unterstützung wie auf der rein medizinischen Ebene.

 


Warum Psyche und Schmerz so eng miteinander verbunden sind

Gerade an dieser Stelle ist etwas sehr wichtig:

Die Verbindung zwischen Psyche und Schmerz darf nie als Schuldzuweisung verstanden werden. Sie ist keine Einladung zu Sätzen wie: „Dann entspannen Sie sich halt mehr“ oder „Dann müssen Sie einfach anders denken.“ So funktioniert chronischer Schmerz nicht. Er ist keine Charakterschwäche und kein Ausdruck mangelnder Willenskraft. Aber die Psyche spielt mit. Nicht als einfache Ursache, sondern als ein Teil eines komplexen Geschehens.

 

Wer schlecht schläft, spürt Schmerzen oft intensiver. Wer dauerhaft angespannt ist, bleibt innerlich leichter auf Alarm. Wer Angst vor Schmerz entwickelt, bewegt sich oft vorsichtiger und verliert dadurch mit der Zeit Kraft, Vertrauen und Spielraum. Wer sich zurückzieht, erlebt oft weniger Entlastung, weniger Verbindung und weniger positive Gegenpole im Alltag. Und wer sich über längere Zeit nicht ernst genommen fühlt, wird häufig noch wachsamer gegenüber jedem Symptom. All das ist kein Einbildungsprozess. Es ist menschliche Neurobiologie, die sich im Alltag bemerkbar macht.

 

Genau deshalb ist psychotherapeutische Begleitung bei chronischen Schmerzen für viele Menschen nicht einfach ein Zusatz „für die Psyche“, sondern ein sinnvoller Teil eines umfassenden Behandlungskonzepts. Sie kann helfen, Zusammenhänge besser zu verstehen, den Umgang mit Schmerz zu verändern, Katastrophisierung zu verringern, Selbstwirksamkeit wieder aufzubauen und den eigenen Körper Schritt für Schritt nicht nur als Belastung oder Gegner zu erleben. Gerade psychosoziale Schmerzbehandlung und verhaltenstherapeutische Ansätze können hier einen wichtigen Beitrag leisten.

 


Geschlechtsspezifische Unterschiede: ein wichtiger und oft unterschätzter Aspekt

Auch geschlechtsspezifische Unterschiede spielen bei chronischen Schmerzen eine Rolle und bekommen noch immer oft zu wenig Aufmerksamkeit.

 

Frauen sind von vielen chronischen Schmerzerkrankungen häufiger betroffen. Gleichzeitig berichten sie nicht selten stärkere, weiter verbreitete oder im Alltag stärker beeinträchtigende Schmerzen. Aber auch hier wäre es zu einfach, daraus starre Regeln abzuleiten. Schmerz ist immer individuell. Er wird nicht nur biologisch geprägt, sondern auch hormonell, immunologisch, psychosozial und durch gesellschaftliche Rollenbilder mitbeeinflusst. Und natürlich können auch Männer unter starken chronischen Schmerzen leiden. Sie suchen bei bestimmten Beschwerden mitunter später Unterstützung oder zeigen ihr Leiden auf andere Weise. Genau deshalb braucht es einen geschlechtssensiblen Blick, der Unterschiede ernst nimmt, ohne Menschen auf Klischees zu reduzieren.

 

Gerade hier ist Feingefühl wichtig, weil das Thema schnell in vereinfachende Bilder kippen kann. Frauen erleben noch immer nicht selten, dass ihre Schmerzen bagatellisiert oder später eingeordnet werden. Männer wiederum holen sich bei Erschöpfung, Schmerz oder körperlicher Einschränkung oft später Hilfe, weil genau das schlechter mit dem eigenen Selbstbild oder mit gelernten Rollen zusammenpassen kann. Beides kann dazu führen, dass Leid unnötig verlängert wird.

 

Geschlechtssensible Psychotherapie und Medizin heißt deshalb nicht, Menschen in Schubladen zu stecken. Sie heißt vielmehr, Unterschiede mitzudenken und trotzdem den einzelnen Menschen in seiner ganz eigenen Lebensrealität nicht aus dem Blick zu verlieren.

 


Was Betroffene oft wirklich brauchen

Viele Menschen mit chronischen Schmerzen wünschen sich nicht zuerst die perfekte Theorie. Sie wünschen sich, dass jemand wirklich hinschaut. Dass nicht vorschnell vereinfacht wird. Dass das Körperliche ernst genommen wird und das Psychische trotzdem Platz haben darf. Dass beides nicht gegeneinander ausgespielt wird, sondern zusammen gedacht werden kann.

 

Genau darin liegt oft ein entscheidender Wendepunkt. Nicht mehr in den alten Gegensätzen von „entweder körperlich oder psychisch“ hängen zu bleiben, sondern zu verstehen, dass beides zusammenwirkt.

 

Ab diesem Punkt wird Behandlung oft spürbar sinnvoller. Medizinische Abklärung bleibt wichtig. Gleichzeitig rücken auch andere Bereiche mehr in den Blick: Schlaf, Belastungssteuerung, ein passender Umgang mit Aktivität, Selbstfürsorge, Regulation, soziale Unterstützung, Schmerzedukation und psychotherapeutische Begleitung. Nicht alles lässt sich rasch lösen. Und nicht jeder Schmerz verschwindet einfach wieder.

 

Aber oft kann sich dennoch viel verändern, wenn Menschen besser verstehen, was in ihnen passiert und wenn sie nicht länger nur gegen den Schmerz ankämpfen, sondern einen anderen Umgang mit sich selbst und dem eigenen Körper finden. Gerade darin liegt bei chronischen Schmerzen oft ein wichtiger Schritt: weg vom bloßen Aushalten und hin zu einem Umgang, der verstehbar, würdig und im Alltag tatsächlich tragbar ist.

 


Mein therapeutischer Blick auf chronische Schmerzen

In meiner psychotherapeutischen Arbeit sehe ich Schmerz nicht nur als Symptom, das möglichst rasch verschwinden soll. Mich interessiert immer auch, was er eingebettet in das ganze Leben eines Menschen bedeutet. Wann hat sich etwas zugespitzt? Was erschöpft zusätzlich? Was macht Angst? Welche inneren Muster laufen mit? Wo ist der Alltag vielleicht zu eng geworden? Wo fehlen Erholung, Sicherheit, Selbstmitgefühl oder ein stimmigeres Maß zwischen Aktivität und Rückzug?

 

Auch aus eigener Erfahrung weiß ich, wie fordernd es sein kann, mit rheumatischen Beschwerden zu leben. Vielleicht ist mir gerade deshalb besonders wichtig, chronische Schmerzen nicht vorschnell zu vereinfachen. Ich kenne das Ringen, das entstehen kann, wenn Schmerzen, Erschöpfung, Ungewissheit und Alltag immer wieder aufs Neue miteinander in Spannung geraten. Umso wichtiger ist mir in meiner Arbeit ein Zugang, der Beschwerden ernst nimmt, Zusammenhänge verständlich macht und Menschen nicht auf ihre Symptome reduziert.

 

Gerade bei chronischen Schmerzen, funktionellen Beschwerden, Fibromyalgie oder rheumatischen Erkrankungen erlebe ich es oft als spürbar entlastend, wenn Menschen nicht länger das Gefühl haben, sich erklären oder rechtfertigen zu müssen. Wenn der Körper nicht gegen die Psyche ausgespielt wird. Wenn Beschwerden ernst genommen werden und gleichzeitig wieder mehr Handlungsmöglichkeiten entstehen dürfen.

 

Denn manchmal beginnt Veränderung nicht damit, dass der Schmerz sofort weniger wird. Sondern damit, dass man sich selbst darin besser versteht. Und das ist oft viel mehr, als es im ersten Moment vielleicht klingt.

 

Quellen

IASP – International Association for the Study of Pain: Definitionen und Grundlagen zu chronischem Schmerz. 

WHO / ICD-11: Klassifikation chronischer Schmerzstörungen. 

EULAR: Empfehlungen zum Verständnis und zur Behandlung von Fibromyalgie. 

NIH: Forschung zu geschlechtsspezifischen Unterschieden bei chronischem Schmerz. 

 


Hinweis: So hilfreich Lesen sein kann – dieser Artikel ersetzt keine psychotherapeutische Diagnostik oder Behandlung.


Über mich

Ich bin Mag. Thomas Rotter, BA.pth., Psychotherapeut in Mondsee. Ich begleite Menschen bei Stress- und Erschöpfungsthemen, Psychosomatik, Beziehung/Bindung/Sexualität sowie Fragen rund um Identität und Selbstwert – körpernah, wertschätzend und alltagstauglich.

Wenn Sie beim Lesen gemerkt haben: „Da geht etwas in mir auf“ oder auch: „Da zieht sich etwas zusammen“ – beides ist wertvolle Information. Lesen kann Orientierung geben. Therapie kann den nächsten Schritt möglich machen – in einem geschützten, respektvollen Rahmen.

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