Komplexe PTBS: Wenn das Nervensystem zu lange allein war

 

Es gibt Belastungen, die sind plötzlich: ein Unfall, ein Schock, ein Ereignis, das „davor“ und „danach“ teilt.

Und dann gibt es Erfahrungen, die sich nicht wie ein Punkt anfühlen, sondern wie ein Klima.

Ein Klima, in dem man über längere Zeit nicht sicher war. Nicht wirklich gesehen. Vielleicht abhängig, ausgeliefert, beschämt, bedroht, überfordert. Manche Menschen lernen in solchen Phasen etwas sehr Kluges: zu funktionieren. Durchzuhalten. Nicht aufzufallen. Oder alles zu kontrollieren.

Und irgendwann – oft viel später – meldet sich etwas, das man schwer in Worte bekommt:

Der Körper ist dauerwach. Gefühle sind zu viel oder wie weg. Nähe ist gleichzeitig Sehnsucht und Gefahr. Und das eigene Ich fühlt sich… seltsam brüchig an.

Wenn Sie sich darin wiederfinden, kann es entlastend sein zu wissen: Dafür gibt es ein Konzept. Und vor allem: Es gibt Wege.

 


Wenn Sie gerade überlegen, ob Therapie für Sie stimmig ist: Lesen kann entlasten – Therapie setzt dort an, wo Veränderung im Alltag wirklich möglich wird.

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Was „komplexe PTBS“ ist – und warum das Wort „komplex“ kein Urteil ist

Komplexe Posttraumatische Belastungsstörung (komplexe PTBS, im Englischen CPTSD) wird in der ICD-11 als eigenes Störungsbild beschrieben. Vereinfacht gesagt: Sie enthält die Kernsymptome von PTBS – und zusätzlich tiefgreifendere Veränderungen im Selbst-Erleben und in Beziehungen.

Die ICD-11 beschreibt neben den PTSD-Kernsymptomen drei zusätzliche Bereiche, die oft „Störungen der Selbstorganisation“ genannt werden:

  • Affektregulation (Gefühle sind schwer zu steuern – zu viel oder wie abgeschnitten)
  • Negatives Selbstbild (Scham, Schuld, „mit mir stimmt etwas nicht“)
  • Beziehungsprobleme (Nähe/Vertrauen schwierig, Rückzug oder chaotische Bindung) 

„Komplex“ heißt dabei nicht „hoffnungslos“. Es heißt: Es ging nicht nur um ein Ereignis, sondern um wiederholte oder anhaltende Überforderung – oft im zwischenmenschlichen Kontext.

 


Ein wichtiger Perspektivwechsel: Es ist nicht „falsch“ an Ihnen – es ist gelernt im Überleben

Viele Betroffene tragen innerlich eine stille Grundannahme:

„Wenn ich nur endlich normal wäre, wäre alles leichter.“

Traumafolgen drehen das oft um:

Wenn Ihr System gelernt hat, dass es lange nicht sicher war, ist „Alarm“ keine Schwäche – sondern ein Trainingszustand.

Und ein Trainingszustand lässt sich verändern. Nicht durch Druck. Sondern durch neue, wiederholte Erfahrungen von Sicherheit, Einfluss und Kontakt.

 


Die drei PTSD-Kernsymptome – kurz und klar

Auch bei komplexer PTBS finden sich meist die klassischen PTSD-Kernbereiche (ICD-11):

  1. Wiedererleben (Flashbacks, intrusive Bilder/Gefühle, Albträume – manchmal auch „körperliches Wiedererleben“)
  2. Vermeidung (von Orten, Menschen, Gesprächen, inneren Zuständen)
  3. Anhaltende Bedrohungswahrnehmung (Schreckhaftigkeit, Schlafprobleme, Hypervigilanz, dauernd „auf Zug“) 

Bei komplexer PTBS kommt nur oft etwas dazu, das viele als am zermürbendsten erleben: das Gefühl, sich selbst nicht gut regulieren oder „halten“ zu können.

 


„Störungen der Selbstorganisation“ – das Herzstück der komplexen PTBS

1) Wenn Gefühle nicht mehr „dosierbar“ sind

Manche Menschen sind schnell überflutet: Wut, Angst, Panik, Überforderung.

Andere sind eher wie „abgeschaltet“: Leere, Taubheit, Funktionieren ohne Kontakt.

Beides kann dieselbe Wurzel haben: Ein Nervensystem, das lange zu viel allein regulieren musste.

Nicht selten zeigen sich auch Mischformen: tagsüber funktionieren, abends Zusammenbruch. Oder: äußerlich ruhig, innerlich gespannt wie ein Draht.

 

2) Wenn das Selbstbild von Scham geprägt ist

Komplexe Traumafolgen gehen häufig mit einem hartnäckigen inneren Satz einher:

„Mit mir stimmt etwas nicht.“

Nicht als Gedanke, sondern als Gefühlton im Hintergrund.

Die ICD-11 beschreibt hier u.a. anhaltende Überzeugungen, „wertlos“ oder „besiegt“ zu sein, oft verbunden mit Scham/Schuld. 

 

3) Wenn Beziehungen gleichzeitig Trost und Gefahr sind

Viele Betroffene wünschen sich Nähe – und erleben sie zugleich als riskant. Das kann sich zeigen als:

  • Rückzug, Misstrauen, „ich brauche niemanden“
  • oder starkes Klammern/Angst, verlassen zu werden
  • oder „ich verliere mich“, sobald es eng wird

Auch hier gilt: Das ist kein Charakterfehler. Es ist oft eine Schutzlogik.

 


Das Prinzip dahinter: Schutzprogramme, die zu lange aktiv bleiben

Wenn man komplexe PTBS „im Kern“ verstehen will, hilft ein Satz:

Komplexe PTBS ist häufig weniger eine Störung der Erinnerung – und mehr eine Störung von Sicherheit.

Ihr System hat gelernt:

  • Gefahr kann jederzeit kommen.
  • Ich muss vorbereitet sein.
  • Gefühle sind riskant.
  • Nähe ist unberechenbar.
  • Kontrolle ist überlebenswichtig.

Diese Schutzprogramme laufen später weiter, obwohl das Umfeld sich verändert hat. Und weil sie so früh oder so oft geübt wurden, fühlen sie sich nicht wie „Strategien“ an – sondern wie Realität.

 


Typische Alltagszeichen (ohne Anspruch auf Vollständigkeit)

Viele erkennen sich eher in Alltagssätzen als in Diagnoselisten. Zum Beispiel:

  • „Ich bin ständig angespannt, auch wenn eigentlich nichts ist.“
  • „Ich überreagiere – und schäme mich danach.“
  • „Ich weiß nicht, was ich fühle.“
  • „Wenn es still wird, wird es in mir laut.“
  • „Ich will Nähe, aber sobald sie da ist, will ich weg.“
  • „Ich funktioniere – aber innerlich bin ich nicht da.“
  • „Ich vertraue mir selbst nicht.“

Die NHS beschreibt bei komplexer PTBS u.a. Probleme mit Emotionskontrolle, Scham/Schuld/Wertlosigkeit und Schwierigkeiten, sich mit anderen verbunden zu fühlen. 

 


Ein Satz, der vieles erklärt: „Trigger sind oft Zustands-Wechsler“

Bei komplexer PTBS sind Trigger nicht immer klare Auslöser („dieser Ort, dieses Geräusch“). Oft sind es Beziehungs- und Körpersignale, die einen inneren Zustand kippen lassen: Tonfall, Blick, Schweigen, Kritik, Nähe, Erwartung, Zeitdruck, Machtgefälle.

Dann passiert nicht nur „Stress“. Es passiert oft ein schneller Wechsel in:

  • Kampf (Wut, Angriff, Rechtfertigung)
  • Flucht (Rückzug, Distanz, Abbruch)
  • Erstarrung (nichts geht mehr, wie gelähmt)
  • oder Anpassung/Überfunktion (People-Pleasing, Perfektionismus, „ich mach’s allen recht“)

Und wieder: Das ist nicht „Drama“. Das ist Biologie + Lerngeschichte.

 


Konkrete therapeutische Orientierung: Was hilft wirklich?

Komplexe PTBS verändert sich selten über einen einzigen „Durchbruch“. Häufig ist es ein stufenweiser Weg – und genau das ist ein gutes Zeichen: Es ist machbar, in Ihrem Tempo.

 

1) Stabilisierung ist keine „Vorstufe“, sondern ein zentraler Teil der Heilung

Stabilisierung heißt: Ihr System lernt wieder Einfluss.

Nicht: „Alles ist sofort gut.“

Sondern: „Ich kann mich ein Stück zurückholen.“

Konkrete Fragen dafür:

  • Was beruhigt mich wirklich (nicht nur kurzfristig betäubend)?
  • Woran merke ich 5% mehr Boden?
  • Welche Menschen/Orte sind „sicher genug“?

 

2) Skills statt Selbstkritik: ein neues Verhältnis zu Symptomen

Ein hilfreicher innerer Satz kann sein:

„Ein Symptom ist ein Schutzsignal, kein Beweis gegen mich.“

Damit verschiebt sich etwas Entscheidendes: weg vom inneren Kampf – hin zu Orientierung.

 

3) Dosierte Nähe: Beziehung wieder als Erfahrung von Sicherheit lernen

Viele wollen entweder „ganz nah“ oder „ganz weg“.

Heilsam ist oft etwas Drittes: dosierte Nähe.

Zum Beispiel:

  • kurze, ehrliche Kontaktmomente statt stundenlange Klärungen
  • klare Pausen statt plötzlichem Verschwinden
  • Grenzen als Beziehungsschutz, nicht als Beziehungskiller

 

4) Traumaverarbeitung – wenn genug Stabilität da ist

Bei entsprechender Stabilität kann traumatherapeutische Arbeit (je nach Ansatz) hilfreich sein, um Belastung zu integrieren und Trigger zu reduzieren. Wichtig ist dabei: gut dosiert, gut begleitet, nicht überflutend.

 


Kleine Übungen für den Alltag (bitte realistisch – nicht perfekt)

Wählen Sie eine Sache, die Sie 7 Tage testen. Nicht als Leistung. Als Experiment.

 

Übung A: Der 90-Sekunden-Boden

Wenn Sie merken, es kippt:

  • Füße spüren (Druck, Temperatur).
  • Ausatmen verlängern (nicht tief, nur länger).
  • Ein Satz: „Jetzt ist jetzt. Ich bin hier.“
  • Ziel: nicht „weg“. Ziel: nicht eskalieren.

 

Übung B: Trigger-Protokoll ohne Grübeln

Einmal täglich, 2 Minuten:

  • Was hat mich heute aktiviert?
  • Was war der Zustand (Alarm, Rückzug, Leere, Wut…)?
  • Was hat 5% geholfen?

So entsteht Musterwissen – und Muster lassen sich verändern.

 

Übung C: Ein „sicher genug“-Kontakt

Ein kurzer Kontakt, der regulierend wirkt:

  • 1 Sprachnachricht an eine sichere Person
  • 10 Minuten Spaziergang mit jemandem
  • oder: bewusst allein in die Natur, aber nicht im inneren Film verlieren

 


Wann es sinnvoll ist, Unterstützung zu holen

Professionelle Hilfe ist besonders hilfreich, wenn:

  • Ihr Alltag deutlich eingeschränkt ist (Schlaf, Arbeit, Beziehung, Körper)
  • Sie sich häufig dissoziiert/„weg“ erleben oder stark überflutet sind
  • Scham/Schuld und Selbstabwertung sehr hartnäckig sind
  • Nähe/Beziehung immer wieder in die gleichen schmerzhaften Muster kippt
  • Sie merken: „Allein komme ich aus dem Zustand nicht raus.“

Und falls Sie sich akut unsicher fühlen oder in einer Krise sind: Bitte holen Sie sich sofort Hilfe über regionale Krisendienste/Notrufstellen (Ihre Website hat dafür ja auch einen Notfall-Hinweis im Kontaktbereich).

 


Ein letzter Gedanke: Heilung heißt oft „mehr Ich im Jetzt“

Komplexe PTBS kann sich anfühlen, als wäre das Leben ein ständiges Reagieren.

Heilung ist dann nicht ein großes „Vergessen“.

Sondern etwas viel Konkreteres:

Mehr Wahl. Mehr Boden. Mehr Gegenwart. Mehr Beziehung, die nicht gefährlich ist.

Und manchmal beginnt das mit einem kleinen Satz, der freundlich, aber klar ist:

„Ich glaube mir. Und ich gehe Schritt für Schritt.“

 


Memo

Ich darf lernen, sicher zu sein – auch wenn mein System lange Alarm kannte.

 


Über mich & Kontakt

Ich bin Mag. Thomas Rotter, BA.pth., Psychotherapeut und Sexualtherapeut in Mondsee. Ich arbeite verhaltenstherapeutisch fundiert und zugleich mit einem ganzheitlichen Blick auf das Zusammenspiel von Psyche, Körper, Beziehung und Alltag – traumasensibel, strukturiert und in Ihrem Tempo.

Wenn Sie sich in manchen Gedanken oder Reaktionen wiederfinden: Auf meiner Website finden Sie Informationen zu Angeboten, Arbeitsweise, Rahmenbedingungen (Ablauf, Kosten, Kostenzuschuss) sowie Kontaktmöglichkeiten.

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Vorabinformation: Sommerpause

Ich möchte Sie darüber informieren, dass ich von 20. Juli bis einschließlich 9. August 2026 in Sommerpause bin. In dieser Zeit finden bei mir keine Termine statt, und ich bin persönlich nicht in der Praxis erreichbar.

Ab Montag, 10. August stehe ich Ihnen wieder für Termine und Anfragen zur Verfügung.

Sollte in dieser Zeit etwas Dringendes sein, sind meine psychotherapeutischen Kolleg:innen in meinem Praxisteam nach Möglichkeit stellvertretend gerne für Sie da.


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Mag. Thomas Rotter, BA.pth.

Psychotherapeut (ENr. 11668) • Sexualtherapeut

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T: +43 (0) 6232 / 31 629

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